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Antoniuskolleg Neunkirchen

Aktuelles

„Geschichte zum Anfassen“ am AK - Polnische Zeitzeugen erzählen ihre (Über-)Lebensgeschichten in den 9. Klassen

04.06.2018
Vorne: unsere polnischen Gäste mit der ehrenamtlichen Organisatorin Frau Teiner (Maximilian-Kolbe-Werk), dahinter: u.a. die Übersetzerinnen Frau Kukla, Frau Gräf, Frau Schmidt, Frau Lenkeit; hinterste Reihe: Familie Paszkiet und Michael Eichinger
Vorne: unsere polnischen Gäste mit der ehrenamtlichen Organisatorin Frau Teiner (Maximilian-Kolbe-Werk), dahinter: u.a. die Übersetzerinnen Frau Kukla, Frau Gräf, Frau Schmidt, Frau Lenkeit; hinterste Reihe: Familie Paszkiet und Michael Eichinger
Vorne: unsere polnischen Gäste mit der ehrenamtlichen Organisatorin Frau Teiner (Maximilian-Kolbe-Werk), dahinter: u.a. die Übersetzerinnen Frau Kukla, Frau Gräf, Frau Schmidt, Frau Lenkeit; hinterste Reihe: Familie Paszkiet und Michael Eichinger

Seit vielen Jahren ist er Tradition am Antoniuskolleg: der Zeitzeugenbesuch in Kooperation mit dem Maximilian-Kolbe-Werk. Bis vor wenigen Jahren kümmerte sich Frau Storck mit viel Einsatz und ihrer Herzlichkeit um die polnischen Gäste – die Überlebenden der Konzentrationslager und Ghettos. Sie hatte einfach ein besonderes „Händchen“, umarmte die älteren Damen und Herren hier und da und schaffte es, immer mit einem Lächeln, die Ernsthaftigkeit des Themas und angenehme Lockerheit zu vereinen. Sie fehlt.

Ein besonderes Erlebnis war es auch in diesem Jahr für die Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen (9a bis 9g), dass sich fünf Zeitzeuginnen und ein Zeitzeuge am Antoniuskolleg einfanden, um von ihren Erlebnissen aus der Zeit des Nationalsozialismus zu berichten. Geschichte „live“ sozusagen – als Abwechslung zu Text-, Bild- und Filmquellen, die sonst die Grundlage des Geschichtsunterrichts bilden.

Nach einer kurzen Begrüßung der Gäste durch Herrn Müller und einem stärkenden Kaffee begannen die gut 90-minütigen Vorträge in den vorbereiteten Räumen. Frau Kruszkowska hatte sogar eine Power-Point-Präsentation vorbereitet, sodass sich die Schülerinnen und Schüler einen guten Überblick über die Rahmenbedingungen der Zeit machen konnten. Beispielsweise wurden Landkarten oder alte Fotos gezeigt.

Im Anschluss bot sich den Klassen noch die Gelegenheit, spontane oder vorbereitete Fragen zu stellen und somit mit den Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Das rege Interesse und die „guten Fragen“ der Schülerinnen und Schüler überzeugten nicht nur Frau Kruszkowska, die in ihrem Leben als Lehrerin gearbeitet hat und daher weiß, wovon sie spricht.

Viele Momente der Stille und der Fassungslosigkeit gehörten jedoch auch zu diesem Tag der Begegnung. Die Vorstellung, dass Menschen vor nicht einmal 80 Jahren in der Lage waren, so ein grausames Unrechtsregime mit seinen menschenverachtenden Methoden zu etablieren, wurde am Tag des Zeitzeugenbesuchs nochmal viel greifbarer, als dies bisher geschehen war.

Ein paar Einblicke in die Biographien unserer polnischen Gäste seien an dieser Stelle zur Veranschaulichung gewährt:

Frau Posz-Kotyrba wurde in verschiedene sogenannte „Polenlager“ in Schlesien deportiert. Das waren keine Konzentrationslager, in denen Menschen systematisch ermordet wurden.  Aber die Auswirkungen der „Polenlager“ waren durch Hunger, Krankheiten und schwere Arbeit für die Erwachsenen und größeren Kinder für viele tödlich. In die Lager kamen viele Kinder getrennt von den Eltern, die den Deutschen – willkürlich – unangenehm aufgefallen waren. Herr Sklowowski wurde als Kind polnischer Eltern sogar im KZ Ravensbrück geboren – kurz vor der Befreiung des Lagers im April 1945. Frau Szczurek ist als Kind polnischer Juden von ihrem polnischen Kindermädchen aus dem Ghetto gerettet worden und als dessen Tochter aufgewachsen. Sie wurde christlich erzogen und bekam später auch von der polnischen Bevölkerung gespiegelt, dass sie als „Jüdin“ unerwünscht sei. Sie warnte daher mit Blick auf aktuelle Entwicklungen vor neuen nationalistischen und antisemitischen Tendenzen. Spätestens in diesem Moment zeigte sich, warum solche Begegnungen mit der eigenen Geschichte wichtig sind. In der Gegenwart aufgeklärt und verantwortungsbewusst zu handeln, ist nur einer der vielfältigen Aspekte, die das Unterrichtsfach Geschichte zu bieten hat. Gerade in Zeiten, in denen Rapper antisemitische Parolen verbreiten, in denen Synagogen auf deutschem Boden bewacht werden müssen und in denen Israelflaggen aus Protest verbrannt werden, zeigt sich, wie wichtig die Erinnerung an solche Zeiten doch ist.

Michael Eichinger