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Antoniuskolleg Neunkirchen

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Der dreifache Horror – Literaturkurs des Antoniuskollegs präsentiert „Victor oder die Kinder an der Macht“

10.07.2018

Schon im Originalstück des französischen Autors Roger Vitrac terrorisiert der neunjährige Victor seine Eltern, das Hausmädchen und die Nachbarschaft. In der Inszenierung des Literaturkurses am AK traten Victor, Viktor und Vicktor gleich als Drillinge auf und sorgten im Rahmen ihrer Geburtstagsfeier für allerlei "Action" und Bosheiten.

"Ich wollte die perfiden Machtspiele und Bedrohungen durch die Hauptperson noch deutlicher herausheben. Deshalb wurde die Rolle des Victors gleich dreifach besetzt", erläutert Bernd Schneider, Spielleiter des diesjährigen Literaturkurses. Außerdem habe das Stück durch die Aufteilung von Victors Text an zusätzlicher Dynamik gewonnen.

So traten bei der vordergründig gutbürgerlichen Geburtstagsfeier der Drillinge eine Reihe skurriler Figuren auf, und die "schöne Fassade" der Familie wurde als bloßer Schein entlarvt. Nicht nur, dass die Liebesaffäre zwischen Charles (hervorragend dargestellt durch Fabio Thevis), dem Vater der Victors (Max Heer, Peter Miggelbrink, Leon Palutzki), mit seiner Nachbarin Thérèse (Lisa Seidel, Noemi Lorbach) im Dialog mit Thérèses Tochter Esther (Mira Lülsdorf, Sarah Schneider) in allen Einzelheiten aufgedeckt wurde. Es trat auch noch ein militärisch akkurater General (Paula Münsterkötter, Yannick Südel) auf, der im krassen Gegensatz zum traumatisierten Ex-Soldaten Antoine (Carl Vogel, Julian Zwengel) stand.

Diese Figur - im Original ein verzweifelter Kämpfer der Schlacht bei Sedan - verlegten Schneider und der zweite Spielleiter Philipp Grabolle in die Gegenwart. Als Bundeswehrsoldat und Afghanistan-Kämpfer zerbricht er an seiner unerfüllten Forderung nach Aufklärung der Kundus-Affäre und erhängt sich schließlich unter den Klängen des Deutschlandliedes an einem Fahnenmast.

Dies alles wurde von der betrogenen und hilflosen Ehefrau Emilie (Jenny Schwensen, Anna Kölsch) apathisch beobachtet, die ausdrücklich betonte, dass sie von alldem nichts verstanden habe. Auch das Erscheinen von Ida Totemaar (Hendrik Trapphagen), die unter lautstarken Flatulenzen leidet, konnte dann kaum noch zur Beruhigung der Situation bei diesem Kindergeburtstag beitragen.

Ihr Auftritt sorgte aber für viel Heiterkeit beim Publikum, das sich beim Auftritt der Grande Dame (Philipp Grabolle) kaum noch auf den Stühlen halten konnte. Letztendlich erkrankten die drei Victors an einem Darmleiden und verstarben trotz der Hilfe durch die Ärztin (Charlotte Kirchner). Offen blieb, ob sie vom Hausmädchen (Nike Kierspel, Mona Nübel) vergiftet worden waren oder sich bei Ida Totemaar "angesteckt" hatten.

Der Literaturkurs bot eine tempo- und abwechslungsreiche Darbietung, die auch durch gelungenen Einsatz der Technik (Dominik Schatz) zu überzeugen wusste. Um den expressionistisch-dadaistischen Stil des Stückes zu betonen, wurden die einzelnen Szenen durch atonale Klaviermusik untermalt. In zwei fast ausverkauften Vorstellungen gelang es den jungen Darstellern, ihr Publikum immer wieder zum Lachen, aber auch zum Nachdenken über misslungene Erziehung und die Auswirkungen von Traumata zu bringen.

"Bei Gestik, Mimik und Aussprache zeigten sich viele bisher verborgene Talente", fasste einer der zuschauenden Lehrer zusammen.