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Antoniuskolleg Neunkirchen

Zum 75. Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27.01.2020

Schülerinnen des AK zu Gast bei Lesung des Zeitzeugen Salomon Perel

27.01.2020

Salomon „Sally“ Perel ist ein Deutsch-Jude, dem es gelang, in der Zeit des Nationalsozialismus seine wahre Identität zu verbergen, der sich als Volksdeutscher ausgab und dabei sogar hohes Ansehen bei seinen Kameraden in der Hitlerjugend genoss. Er gehört zu den prominentesten Überlebenden des Holocausts und verfasste das hunderttausendfach gelesene biografische Werk „Hitlerjunge Salomon“. 

Ort der Lesung des heute in Israel lebenden Zeitzeugen namens Sally Perel ist die eigene Kapelle des Gymnasiums St. Paulusheim in Bruchsal (Baden-Württemberg). Dankenswerterweise knüpfte Frau Eichinger, die an dieser Schule früher Altgriechisch unterrichtete, den Kontakt zum Schulleiter Herrn Zepp. Somit konnten wir – drei Schülerinnen der Q2 – einen der letzten Überlebenden des Holocausts treffen, der nicht nur ein Bestsellerautor, sondern vor allem ein beeindruckend selbstkritischer Mensch ist. 

Nur ein schlichter Tisch mit einem gepolsterten Sessel steht vor dem Altar, im Hintergrund das hohe Gewölbe und das hochhängende Jesuskreuz im Scheine der Adventskerzen; eine tiefe religiöse Atmosphäre erfüllt den Raum.

Als der stellvertretende Schulleiter verkündet, Sally Perel sei in Bruchsal eingetroffen, bricht Unruhe aus. Seiner Ankunft wurde mit einer angespannten und vorfreudigen Stimmung entgegengefiebert. Sobald er dann die Kapelle betritt, bricht ein gewaltiger Applaus aus. Dies quittiert der 94-jährige Perel mit einem kleinen, fast schon schüchtern wirkenden Lächeln. Bescheidenheit ist sein Credo, weder Stolz noch Hochmut lassen seine Gestalt vermuten. 

Die erste Frage, die ihm von Seiten des stellvertretenden Schulleiters gestellt wird, ist, ob es ihm gut gehe. Perel lächelt und erwidert: „Ja mir geht es gut, aber in meinem Alter darf man sich auch nicht beschweren.“ Ein leises Lachen erfüllt die Kapelle. 

Seinen Vortrag beginnt er, indem er uns auf Hebräisch begrüßt und uns mitteilt, dass wir wissen sollen und müssen, was damals geschah. Aus diesem Grund bestreitet er seit Jahren mehrmals im Jahr eine solche Vorlesungsreise durch verschiedene Schulen Deutschlands. Er sieht sich selbst in der Pflicht, diese Geschichte zu erzählen: „Solange mich meine Beine tragen, werde ich reisen und diese Geschichte weitertragen.“

Oft sei er bestürzt darüber, dass es viele Jugendliche gebe, die diesen Teil der deutschen Geschichte verleugnen, undenkbar für ihn. Diese, die es einfach nicht besser wissen, seien in seinen Augen schlicht „Dummköpfe“, doch diese, die es besser wissen, es jedoch dennoch verleugnen, seien „Verbrecher“. 

Perel beginnt seine Schilderung mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dem Besuch in Auschwitz. Es sei „furchtbar“ gewesen. Er habe Berge von Kinderschuhen und abgeschnittenen Haaren gesehen.

Perel bezeichnet diesen Ort als „Selbstmord der deutschen Kultur“. „Ich höre immer wieder die Schreie der Kinder in der Asche“, berichtet der Zeitzeuge mit belegter Stimme. Er wolle uns, die deutsche Jugend, mit den Tränen der verbrannten Kinder impfen. Die Pause, die darauf folgt, ist bedrückend und die Stille ohrenbetäubend. Doch Perel stellt sich keineswegs als Opfer dar, denn, laut eigener Aussage, sei er Jude und Deutscher in einem Körper, Opfer und Täter in einem Körper. Bis heute sei seine gespaltene Seele keine ganze geworden. Mit großer Selbstreflektion und Selbstkritik begegnet er uns und macht auch den Menschen Zugeständnisse, die ihn für sein Handeln und seine Denkweise verurteilen. Auf einer Lesungsreise in Israel sei er von einem jungen Israeliten schwer dafür beschuldigt worden, seine Religion, sein Land und seine Glaubensbrüder verraten zu haben. Doch keine Rechtfertigung verlässt Perels Lippen. Stattdessen bringt er dem Mann Verständnis entgegen. Der ultimative Grund und das Fundament seines Handelns seien sein Wille zu leben und die Worte seiner Mutter gewesen: „Sally, du sollst leben“. Dies habe ihn und seine Handlungsentscheidungen immer durchzogen.

Bis heute ist die Ideologie der Nationalsozialisten in seinem Kopf noch präsent. Er berichtet von einer Begegnung mit einer behinderten Person. Der „Jupp“ in ihm - sein Spitzname in der Hitlerjugend - meldete sich zu Wort und urteilte, dass diese Person kein Recht auf Leben habe, gemäß der Ideologie der Nazis. Doch Sally, der laut eigener Aussage Humanist ist, hält in diesen Momenten dagegen und glaubt, dass jede Schöpfung Gottes einzigartig und besonders ist. Gerade Personen, die von der Natur weniger beschenkt sind, hätten Perel zufolge umso mehr Liebe ihrer Mitmenschen verdient.

Mehrmals sagt er, dass seine Seele bis heute gespalten ist und er „Jupp“, den Hitlerjungen, niemals abschütteln konnte und wird. Man sieht in den Reihen viele verwirrte und bestürzte Gesichter. Perel versucht zu erklären, wie die Nationalsozialisten es geschafft haben, in die Köpfe der Jugendlichen einzudringen. Er nennt es einen „psychischen Missbrauch ihrer wahren Vaterlandsliebe“ und es sei ihnen sogar gelungen, sein Gehirn zu vergiften. 

Seine Worte, Erzählungen, seine Person und seine Geschichte scheinen die Geister der über 200 Schüler schwermütig und nachdenklich zu machen, ein Gefühl, das mit Worten nicht zu greifen ist. 

In der Fülle der Informationen und transportierten Gefühlen ist der Kopf ganz leer und jeder Einzelne scheint in dieser Leere und Stille gefangen zu sein; allein, um mit alldem umzugehen, es verarbeiten und verstehen zu können. Ein betäubtes und gleichzeitig auch belebendes Gefühl. 

Anna Maria Koch (Q2)