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Antoniuskolleg Neunkirchen

Zur politischen Entwicklung in den USA – ein Kommentar

Einladung zum digitalen Forum des politischen Arbeitskreises am AK bei Moodle

18.11.2020

„Verbrannte Erde“ – Als verbrannte Erde bezeichnet man eine Kriegstaktik, bei der eine Armee alles zerstört, was dem Gegner irgendwie nützen könnte. Man kann sagen, dass ohne Rücksicht auf Verluste wichtige Dinge zerstört werden.

Dass die 59. Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten von Amerika das Zeug zu einem Polit-Krimi haben könnte, hat sich eindrucksvoll bestätigt. Es scheint fast, als sei ihr gesamter Verlauf der Feder eines Autors entsprungen. Und wenn man dieses Skript Probe gelesen hätte, so wäre wohl die erste Reaktion gewesen: „Das ist doch sehr weit hergeholt.“

Betrachtet man die Fakten, so lässt sich feststellen, dass die Demoskopen (mal wieder) nicht absolut richtig lagen. Es wurde in den Umfragen ein sehr großer Vorsprung für Biden prognostiziert, der viele dazu verleitete, die Wahl als schon fast gelaufen zu betrachten. Es sollte anders kommen. Trump zeigte große Comeback-Qualitäten und trieb seine Anhänger zur Wahl. Fakt ist, dass mehr als 70 Millionen Amerikaner Donald Trump ein weiteres Mal zu ihrem Präsidenten machen wollten. Dass Joe Biden die meisten Stimmen bekommen hat, die jemals für einen Kandidaten abgegeben wurden und dass es die höchste Wahlbeteiligung seit über 100 Jahren in Amerika gab, ist ebenso Fakt. Doch neben den Fakten gibt es eben noch diese „alternativen Fakten“, die Trump bereits weit im Vorfeld der Wahl säte: die Stimmungsmache gegen die Briefwahl, die seine Anhänger davon überzeugen sollte, dass diese Wahl, so er sie verliere, verschoben sein müsse.

Vier Jahre lang hat Donald Trump mit seinen Republikanern regiert und das Amt des Präsidenten beispiellos für seine Zwecke genutzt. Man kann sagen, dass der Wahlkampf seit 2016 nie aufgehört hat. Er ist ein Präsident für diejenigen, die ihn gewählt haben, aber leider nicht für Amerika. Dies zeigt sich z.B. durch den Austritt der USA aus der WHO, in den verhängten Strafzöllen für ausländische Waren, in zahlreichen Begnadigungen oder in der Offenheit zu Gruppen der „White-Supremacy“-Bewegung. Trumps Politik hat Amerika gespalten und Menschen aufgewiegelt, wie die Ausschreitungen im Rahmen der „Black-Lives-Matter“-Bewegung zeigen. Natürlich hat er auch Erfolge vorzuweisen, z.B. in der Wirtschaftspolitik oder indem er dafür gesorgt hat, dass neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Dies ist allerdings nur auf Kosten neuer Staatsschulden möglich gewesen. Und dann ist da natürlich sein Verhalten im Zuge der Corona-Pandemie. Statt zu handeln und seiner Bevölkerung zu helfen, wird tragischerweise auch hier sein Motto „America first“ in Zahlen umgesetzt – in Infektions- und Todeszahlen. Und dennoch wollten gut 70 Millionen Amerikaner „four more years“.

Das lässt sich nur dadurch erklären, dass viele Amerikaner – Filterblase sei Dank – entweder nur „die alternativen Fakten“ zulassen oder dass vielen Amerikanern zunächst nur ihr eigenes Wohl wichtig ist. Beides ist traurig und tragisch, da es derzeit um so viel mehr geht.

Aus diesem Grund legen wir am AK so großen Wert auf Offenheit, Toleranz und Gemeinschaft – denn nur so kann im Gewirr aller medialen Kanäle eine Gesellschaft entstehen, die es auch mit politischen Verwerfungen und Extrempositionen oder solch historischen Herausforderungen wie einer globalen Pandemie aufnehmen kann. In unserem Politkompass haben wir genau das zum Ausdruck gebracht.

Nun scheint die Wahl gelaufen zu sein. Es gab einen „blue shift“, welcher den späten Wechsel der Mehrheit in einigen Bundesstaaten bezeichnet. Dies liegt insbesondere an den Briefwahlstimmen. Die oben angesprochene Saat der „alternative facts“ geht nun auf und zeigt ihre Wirkung. Mit zahlreichen gerichtlichen Klagen wollen die Anwälte Trumps Zweifel an der Korrektheit der Wahl und ihrem Ergebnis wecken und diese Zweifel aufrechterhalten. Es ist natürlich nicht illegal, gerichtlich Einwände zu erheben, aber Trumps Verhalten und seine Äußerungen fallen genau in die strategische Kategorie „verbrannte Erde“.

Leider ist diese Erde (wenn man das Bild überträgt) die amerikanische Demokratie. Der Schaden, den Donald Trump mit seinem Team an der ältesten Demokratie der Welt anrichtet, ist nachhaltig. Er verunglimpft das amerikanische Wahlsystem so sehr, dass sogar Mitglieder der Republikaner sich von seinen Aussagen distanzieren. Die große Gefahr ist aber, dass sich potenziell 70 Millionen Amerikaner davon einnehmen lassen könnten, dass diese Demokratie nichts mehr wert ist. Dies könnte Amerika weiter spalten und schaden. Es könnte das letzte „Geschenk“ sein, dass der 45. Präsident der Vereinigten Staaten „seinem“ Land hinterlässt – eine verbrannte Demokratie.

Angesichts von Desinformationen, „alternative facts“, Verschwörungstheorien und Filterblasen zeigt sich ganz besonders, dass es ein Kernauftrag von Schule sein muss, die Jugendlichen auf diese Welt vorzubereiten, damit sie zu mündigen und reflektierten Bürgern unserer Gesellschaft werden, die in der Lage sind, nicht nur ihre, sondern Zukunft allgemein zu gestalten. Die politische Arbeit am Antoniuskolleg ist aus gutem Grund fest im schulischen Leben verankert und wird von der Schulgemeinschaft unterstützt und getragen.  

Das gilt nicht nur für den fachlichen Unterricht, sondern auch für den politischen Arbeitskreis, in welchem sich Schülerinnen und Schüler für politische Themen und politisches Bewusstsein einsetzen. Sie diskutieren miteinander und in der Schulgemeinschaft, organisieren Veranstaltungen, schaffen Öffentlichkeit für Politik und zeigen, wie wichtig politische Handlungsfähigkeit schon für junge Menschen ist. Wissen und diversifizierte Informationen, Sachlichkeit und Empathie sind zentral in der Auseinandersetzung mit den vorgenannten Herausforderungen – und darauf müssen wir unsere Schülerinnen und Schüler vorbereiten.

Um die Kultur des Diskutierens und des Austauschs auch in Zeiten der Corona-Pandemie zu fördern, laden wir die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrerschaft des Antoniuskollegs in ein digitales Forum des politischen Arbeitskreises ein. Dazu haben wir auf der Plattform Moodle ein solches Forum eingerichtet. In den Kurs kann sich jeder selbst einschreiben und dort so mitmachen, wie er möchte. Ein Anfang könnte zum Beispiel sein, über den vorliegenden Text zur Wahl in den USA zu diskutieren: Meinungen und Ansichten gibt es sicherlich viele. Herzliche Einladung an alle politisch Interessierten am AK!

Ralf Stommel