Manchmal eröffnet Unterricht Perspektiven, die weit über den eigentlichen Lerngegenstand hinausreichen. Genau dies erlebte der Französischkurs der Klasse 10e bei der Auseinandersetzung mit dem französischen Film Intouchables (Ziemlich beste Freunde). Aus einer zunächst filmischen Analyse entwickelte sich ein vielschichtiges Projekt über Behinderung, Selbstbestimmung, gesellschaftliche Wahrnehmung und zwischenmenschliche Begegnung – und schließlich ein persönlicher Austausch mit dem ehemaligen französischen Rugbyspieler Tony Moggio.
Im Zentrum der Unterrichtsreihe stand zunächst Intouchables. Der Film erzählt von Philippe, der infolge eines Unfalls querschnittsgelähmt ist und im Alltag Unterstützung benötigt. Mit Driss, seinem unkonventionellen Pfleger, begegnet ihm ein Mensch aus einer völlig anderen Lebenswelt. Aus dieser Konstellation entsteht eine außergewöhnliche Freundschaft.
Bald zeigte sich jedoch, dass der Film weit über sprachliche und filmische Analyse hinausführte. Wir beschäftigten uns mit grundlegenden Fragen: Wie möchten Menschen mit Behinderung wahrgenommen werden? Wo verläuft die Grenze zwischen Unterstützung und Bevormundung? Welche Bedeutung haben Selbstbestimmung, Humor und gesellschaftliche Teilhabe?
Zugleich wurde uns bewusst, dass eine Filmfigur stets nur eine einzelne Perspektive vermitteln kann. Deshalb wollten wir erfahren, wie ein Mensch, dessen Leben tatsächlich durch einen schweren Unfall verändert wurde, selbst über diese Themen denkt.
Bei unseren Recherchen stießen wir auf Tony Moggio aus der Region Toulouse. Der damalige Rugbyspieler erlitt am 7. Februar 2010 im Alter von 24 Jahren während eines Spiels eine schwere Rückenmarksverletzung und ist seitdem tetraplegisch.
Was im Film innerhalb weniger Szenen erzählt wird, bedeutete für ihn einen tiefgreifenden und langwierigen Prozess: Krankenhaus, Rehabilitation und die Neuorganisation des eigenen Lebens. Dennoch lässt sich Tony Moggios Biografie keineswegs auf seinen Unfall reduzieren. Er blieb dem Sport verbunden, wurde Autor und Redner und stellte sich immer wieder neuen Herausforderungen. 2019 durchquerte er nach intensivem Training den Golf von Saint-Tropez; im Juni 2026 absolvierte er mit einem speziell angepassten Handbike eine mehr als 700 Kilometer lange Strecke von Royan bis Sète.
Gerade darin lag für uns eine wichtige Erkenntnis: Entscheidend war nicht die außergewöhnliche sportliche Leistung, sondern die Möglichkeit, einer persönlichen Perspektive zu begegnen, die weder ein Lehrbuch noch eine Filmanalyse ersetzen kann.
Aus dieser Überlegung entstand eine zunächst ungewöhnliche Idee: Warum sollten wir Tony Moggio nicht selbst schreiben?
Wir entwickelten Fragen zu seinem Alltag, seinem Leben nach dem Unfall, zu Sport, Familie, Selbstständigkeit und seinem persönlichen Verständnis von Behinderung. Daraus entstand ein individuell gestaltetes Paket mit Fragen, persönlichen Nachrichten, kreativen Arbeiten, kleinen Geschenken, einer Kursaufnahme sowie digitalen Beiträgen, die über einen QR-Code zugänglich waren. Tony Moggio antwortete ausführlich.
Damit erhielt unser Projekt eine neue Dimension. Aus der Beschäftigung mit einer Filmfigur und einer Biografie wurde ein tatsächlicher Austausch. Themen, die zuvor abstrakt erschienen waren, konnten nun mit konkreten Erfahrungen in Beziehung gesetzt werden.
Besonders deutlich wurde dabei, dass es nicht die eine Erfahrung von Behinderung gibt. Jeder Mensch verfügt über eine eigene Lebensgeschichte, individuelle Bedürfnisse, Möglichkeiten, Grenzen und Vorstellungen von Selbstbestimmung. Eine Filmfigur kann einen Zugang eröffnen, niemals jedoch stellvertretend für alle Menschen sprechen.
Vielleicht lag genau darin die wichtigste Erfahrung des Projekts. Im Unterricht besteht leicht die Gefahr, über bestimmte Personengruppen zu sprechen. Unser Austausch mit Tony Moggio zeigte hingegen, welchen Unterschied es macht, wenn aus einem „Sprechen über“ ein „Sprechen mit“ wird.
Wir konnten Fragen stellen, persönliche Antworten erhalten und zugleich lernen, genauer zuzuhören. Dabei wurde deutlich, dass ein angemessener Umgang mit Behinderung weder in Mitleid noch im Ausblenden von Einschränkungen besteht. Vielmehr geht es darum, Menschen in ihrer Individualität, ihren Entscheidungen, Fähigkeiten und Bedürfnissen ernst zu nehmen.
Ebenso wichtig ist der Blick auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen: Barrieren, Vorurteile und fehlende Zugänglichkeit können Einschränkungen zusätzlich verstärken. Selbstverständlich blieb das Projekt auch sprachlich ein Französischprojekt. Wir arbeiteten mit französischen Materialien, beschäftigten uns mit einem französischen Film und nutzten die Fremdsprache für authentische Kommunikation.
Doch gerade darin lag eine weiterführende Erkenntnis: Fremdsprachen sind weit mehr als Unterrichtsfächer. Sie ermöglichen Begegnung.
Französisch war plötzlich nicht mehr ausschließlich Gegenstand einer Klassenarbeit oder eines Schulbuchkapitels, sondern ein Mittel, um Fragen zu stellen, Erfahrungen auszutauschen und andere Perspektiven kennenzulernen.
Aus Intouchables wurde so mehr als eine Filmreihe. Aus Recherche wurde Austausch, aus theoretischen Überlegungen eine reale Begegnung. Tony Moggio gab uns keine einfachen Antworten – dafür aber Einblicke in seine Erfahrungen, die uns dazu anregten, differenzierter über Selbstbestimmung, Barrierefreiheit und gesellschaftliches Miteinander nachzudenken.
Merci beaucoup, Tony, dass du dir Zeit für unsere Fragen genommen und so offen mit uns über dein Leben und deine Erfahrungen gesprochen hast.
Für den Französischkurs der 10e wurde aus einem Filmprojekt damit etwas, das sich weder vollständig planen noch aus einem Lehrbuch lernen lässt: eine echte menschliche Begegnung.
Julia Schäfer