Wie fühlt sich das Leben in einer Diktatur an? – Besuch der Zeitzeugen

Die Frage, wie sich das Leben in einer Diktatur anfühlt, stand im Mittelpunkt eines besonderen Vormittags Anfang Juli, bei dem unsere gesamte Jahrgangsstufe 10 im Rahmen des Geschichtsunterrichts die Gelegenheit hatte, Herrn Herzog und Herrn Becke bereits zum dritten Mal als Zeitzeugen der DDR an unserer Schule zu begrüßen und einen authentischen Blick hinter die Kulissen des SED-Regimes zu werfen.

Herr Herzog zeichnete dabei in einem eindringlichen Vortrag seinen persönlichen Lebensweg nach, der im sogenannten „Tal der Ahnungslosen“ begann, jener Region der DDR, die weitgehend vom westdeutschen Rundfunk abgeschnitten war. Geprägt durch ein protestantisches Elternhaus geriet er früh in Konflikt mit den staatlichen Erwartungen, was sich unter anderem darin äußerte, dass ihm die gleichzeitige Teilnahme an der Konfirmation und der sozialistischen Jugendweihe verwehrt blieb. Wie lückenlos die staatliche Kontrolle und die politische Beurteilung bereits im Jugendalter ausfielen, belegte er eindrucksvoll anhand seiner alten Schulzeugnisse, auf denen ihm schriftlich eine unzureichende Staatstreue attestiert wurde. Um dennoch die Chance auf ein Studium zu erhalten, verpflichtete er sich schließlich zum Militärdienst, wobei in dieser Zeit seine Zweifel an der sozialistischen Ideologie immer weiter anwuchsen. Gemeinsam mit einem Freund fasste er schließlich den Entschluss, die DDR über die damalige Tschechoslowakei zu verlassen. 

Schließlich wurde auch das Ministerium für Staatssicherheit auf ihn und seinen Freund aufmerksam, woraufhin beide im Alltag mit enormem Aufwand überwacht wurden. Ihr Fluchtversuch endete schließlich in einer Verhaftung direkt am Grenzübergang. Bei seiner Verurteilung zu einer Haftstrafe von 5,5 Jahren erlebte er die ganze Willkür der DDR-Justiz sowie die teilweise harten Haftbedingungen, bevor er im Dezember 1983 entlassen wurde. Doch auch nach Verbüßung seiner Strafe hielt die Überwachung weiterhin an, und erst acht Monate später wurde ihm schließlich die DDR-Staatsangehörigkeit entzogen und er durfte in die Bundesrepublik ausreisen.

Im Anschluss an den knapp 60-minütigen Vortrag hatten die Schüler*innen noch die Gelegenheit für Rückfragen. 

Auf die Frage, ob er seine folgenschwere Entscheidung zur Flucht rückblickend bereue, betonte der Zeitzeuge nachdrücklich, dass er die DDR aus tiefer innerer Notwendigkeit habe verlassen müssen und heute unter den gleichen Bedingungen wieder exakt so handeln würde. Den wesentlichsten Unterschied zwischen Ost und West verortete er dabei ganz klar in der persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit der Bundesrepublik. Auch aktuelle politische Entwicklungen, die ihm gegenwärtig spürbar Sorge bereiten, wurden in dieser offenen Runde thematisiert.

Für den Zeitzeugen selbst ist die regelmäßige Aufklärungsarbeit an Schulen, die er im engen Austausch mit anderen Betroffenen leistet, ein befreiender Prozess. Sein abschließender Appell richtete sich direkt an das junge Publikum, die errungenen Freiheiten und demokratischen Werte unserer heutigen Gesellschaft niemals als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sie aktiv zu schätzen und zu verteidigen.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Herrn Herzog und Herrn Becke für diese erneute überaus wertvolle Bereicherung unseres Geschichtsunterrichts und freuen uns schon auf das nächste Mal!

Kerstin Blönigen